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ARCHIV

Berliner Gespräche zur Theaterpädagogik

2. Berliner Gespräch zur Theaterpädagogik 2008

Mittwoch, 2. Juli 2008, 18 Uhr, Raum 201, Universität der Künste (UdK), Bundesallee 1 - 12,U-Bhf. Spichernstraße, Eintritt frei

Das „Wörterbuch der Theaterpädagogik“ kennt das Stichwort „Ekstase“ nicht – mehr als nur ein Zufall? Der Theaterbesucher/die Theaterbesucherin gerät beim Besuch einer Aufführung durchaus in Ekstase oder Entzückung oder Entrückung – und auch der spielende Mensch kann in einen trance-ähnliche Zustand geraten. Theateranthropologische Untersuchungen und die Alltagsbeobachtung bestätigen solche Erregungs-Zustände, die verschiedene Erscheinungsformen und unterschiedliche – ästhetische und moralische – Akzeptanz finden können. Ein religiöser Hintergrund von ekstatischem Verhalten, etwa bei Heiligen- oder Reliquienverehrung, ist nicht zu verleugnen: als Heraustreten der Seele aus dem Gefängnis des Leibes (das Außer-sich-Sein hat sicher hier seinen Ursprung). Ein kompliziertes, komplexes Geschehen, dass das professionelle Theater-Machen durchaus noch oder auch wieder kennt. Nicht immer wird es gleichwohl so benannt. Umso wichtiger, sich damit zu befassen. Wir haben zum Thema „Ekstatische Wirkung des Theaters/Intensive Moral oder amoralische Intensität?“

Prof. Dr. Martin Jürgens

eingeladen (ehemals Universität Münster, Lehrender am Institut für Theaterpädagogik Lingen der FH Osnabrück, Regisseur und Theaterautor, Lehrender im Studiengang Szenisches Schreiben an der UdK, zuletzt 2007)
Er wird seine Thesen vorstellen und aktuelle szenische Beispiele per Bild und Ton liefern.

Die Moderation hat Gerd Koch

Zur ekstatischen Wirkung des Theaters

„Das Ethos der theatralen Ekstase liegt in deren Fähigkeit, den Gestus des Einspruchs gegen die blinde Kontinuität vor die Sinne zu stellen und am Leben zu erhalten, im Arsenal unserer Möglichkeiten. Das gilt für die Ebene des Individuellen ebenso wie in gesellschaftlicher Perspektive. Der ekstatische Bruch mit dem Kontinuum des Immergleichen ist ein Einspruch gegen unsere eigene Zeitlichkeit und den Skandal des Todes, der uns allen bevorsteht, und als Einspruch ist er mehr als Trost. Und er ist ein Einspruch gegen die sich als irreversibel und alternativlos deklarierende Wiederkehr des Gleichen, gegen das Posthistoire, dessen lähmende Wirkung seit dem Ende des Sozialismus in seiner staatlichen Gestalt wirksam ist. Auch ohne den Reiz der Bilder utopischer Zustände hat solcher Einspruch seine gesellschaftliche Qualität.“
Intensive Moral oder amoralische Intensität?

„Unter den Augen der Sphinx großen Theaters ereilt uns die Ekstase der Zeitenthobenheit zu unsrem Glück immer wieder und je öfter, je lieber. Was bedeutet das nun für die titelgebende Alternative „Intensive Moral oder amoralische Intensität“? Es bedeutet, daß sie nicht haltbar und nicht produktiv ist, denn der Austritt aus der Kontinuität der Zeit im Medium hoher, die Erfahrung von Ekstase ermöglichender Intensität ist als Vorschein eines möglichen Anderen nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern in sich selbst eine Äußerungsform von Moral jenseits aller Vorschriften, Ge- und Verbote samt der entsprechenden Sinnangebote.“

Eine Veranstaltung der LAG Spiel und Theater Berlin, des Instituts für Theaterpädagogik der UdK und der Gesellschaft für Theaterpädagogik. Koordination: Lambert Blum, Ulrike Hentschel, Gerd Koch.