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Berliner Gespräche

Rückblick:

Berliner Gespräch zur Theaterpädagogik 2010: Theaterspielflow - Eine neue schöpferische Zentralkategorie?

Was sich hinter Theaterspielflow exakt verbirgt, wie er entstehen und initiiert werden kann und warum er so bedeutsam für jede Art von Theaterarbeit ist, erfuren Sie im THEATERPÄDAGOGISCHEN GESPRÄCH mit Prof. Dr. Dietmar Sachser (Bochum) am 20. Mai 2010 um 18 Uhr in Raum 201, Bundesallee 1-12 UDK Berlin. theaterspielflow.jpg

Wir sind alle schon irgendwie so Flow-Junkies.
Man wird abhängig davon. Man will es. Man will dahin. Man braucht es.
«Peter Kurth»
Die Freude selbst bleibt geheimnisvoll und kann niemals künstlich hergestellt werden. Man kann nicht sagen, daß sie im Kopf stattfindet oder in der Brust, wie man es bei Schmerzen sagen kann. Sie ist viel geheimnisvoller. Aber gerade weil sie das ist, gibt es auch geheimnisvolle Wege, über die man sie erreichen kann.
«Simon McBurney»
Das ist eine Form von Rausch, die einen glücklich macht. Eine wichtige Erfahrung. Deswegen mach’ ich ja den ganzen Kram. Deswegen mache ich das jeden Tag, stelle ich mich diesen ganzen Aufgaben, weil es ab und an so Momente gibt, wo es stimmt. Da ist es sinnvoll, was ich tue…
«Fritzi Haberlandt»

Berliner Gespräch zur Theaterpädagogik 2010 mit Gast Paul Binnerts

 

Paul Binnerts (Amsterdam, Berlin, New York) stellte uns sein Konzept eines “Real Time Acting/Theatre” (’post-episches’ Theater) vor – mit einem deutsch-sprachigen Arbeitsbegriff vorläufig als “Theater in der Echtzeit” bezeichnet. Sein aktuelles Buch „Acting in real time“ ist noch nicht auf Deutsch erschienen, so dass wir eine hervorragende Gelegenheit hatten, einen neuen Ansatz der Theaterarbeit direkt von seinem ‚Erfinder’ vorgestellt zu bekommen!

 

Paul Binnerts ist international tätiger Theater-Regisseur, Schauspiellehrer, Stückeschreiber und Schriftsteller. Er leitet zurzeit den Studiengang „Szenisches Schreiben“ an der UdK Berlin. Er war unter anderem Leiter von/Regisseur bei Theatergruppen: Schlicksupp Teatertrupp, Frankfurt am Main (1979 - 1985); Southern Comfort, Amsterdam (1985); The Elephant Brigade, New York (2007).

 

Moderation: Gerd Koch

 

Eine Veranstaltung der LAG Spiel und Theater Berlin, des Instituts für Theaterpädagogik der UdK und der Gesellschaft für Theaterpädagogik e. V., Koordination: Lambert Blum, Ulrike Hentschel, Gerd Koch.

Berliner Gespräch zur Theaterpädagogik 2010: Theaterpädagogik im postdramatischen Theater

 

Die Verfahren der Theaterpädagogik und ihre Wirkungsabsichten sind an den traditionellen dramatischen Formen des abendländischen Theaters entwickelt worden. Jedoch schon seit den Zeiten der Neo-Avantgarde machen sich zunehmend theatrale Formen auf den Bühnen breit, die die Theatertheorie versucht mit dem Begriff „POSTDRAMATISCHES THEATER“ zu fassen. Vor dieser Entwicklung des Theaters stellt sich für die Theaterpädagogik die Frage, ob die herkömmlichen Verfahren noch anwendbar und ob die beabsichtigten Wirkungsweisen mit den postdramatischen Formen zu erreichen sind. Wir hatten zum Thema Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann eingeladen.

 

Mit seinem 1999 unter dem Titel „Postdramatisches Theater“ veröffentlichten Buch hat er als einer der ersten versucht „eine ästhetische Logik des neuen Theaters zu entfalten“ sowie „einerseits die Theaterentwicklung des 20. Jahrhunderts in eine Perspektive zu rücken, die sich von den offenkundig noch schwer kategorisierbaren Entwicklungen des neuen und neuesten Theaters inspirieren lässt“ und „andererseits der begrifflichen Erfassung und Verbalisierung der Erfahrung mit diesem oft ‚schwierigen’ Theater der Gegenwart zu dienen und so dessen Wahrnehmbarkeit und Diskussion zu befördern“.

 

Die Moderation führte Prof. Dr. Ulrike Hentschel/UdK

 

Hans-Thies Lehmann ist Professor für Theaterwissenschaft am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main. Er war Gastprofessor an verschiedenen Universitäten von Paris, in Kaunas/Litauen, Krakau und der University of Virginia (USA). Zu seinen wissenschaftlichen und dramaturgischen Aktivitäten gehören u.a. die Mitarbeit an einem Österreichisch-japanischem Theaterprojekt in Tokyo, Dramaturgien für die Regisseure Jossi Wieler, Peter Palitzsch, Christof Nel, Theodoros Terzopoulos und eigene szenische Projekte.

 

Publikationen (Auswahl): Beiträge zu einer materialistischen Theorie der Literatur (1977); Subjekt und Sprachprozeß in Bertolt Brechts “Hauspostille”. Texttheoretische Lektüren (1978); Bertolt Brechts “Hauspostille” - Text und kollektives Lesen (zus. mit Helmut Lethen, 1978); Theater und Mythos. Die Konstitution des Subjekts im Diskurs der antiken Tragödie (1991); The Brecht Yearbook, Band 17. Der Andere Brecht. (1992, Hg. zus. mit Renate Voris); Arbeitsfelder der Theaterwissenschaft. Forum modernes Theater. Bd. 15, (1994, Hg. zus. mit Erika Fischer-Lichte und Wolfgang Greisenegger); Postdramatisches Theater (1999). Das politische Schreiben. Essays zu Theatertexten (2002). Heiner Müller Handbuch (2004, Hg. zus. m. P. Primavesi). Etc…

Berliner Gespräch zur Theaterpädagogik 2008: Ekstatische Wirkung des Theaters/Intensive Moral oder amoralische Intensität?

 

Das „Wörterbuch der Theaterpädagogik“ kennt das Stichwort „Ekstase“ nicht – mehr als nur ein Zufall? Der Theaterbesucher/die Theaterbesucherin gerät beim Besuch einer Aufführung durchaus in Ekstase oder Entzückung oder Entrückung – und auch der spielende Mensch kann in einen trance-ähnliche Zustand geraten. Theateranthropologische Untersuchungen und die Alltagsbeobachtung bestätigen solche Erregungs-Zustände, die verschiedene Erscheinungsformen und unterschiedliche – ästhetische und moralische – Akzeptanz finden können. Ein religiöser Hintergrund von ekstatischem Verhalten, etwa bei Heiligen- oder Reliquienverehrung, ist nicht zu verleugnen: als Heraustreten der Seele aus dem Gefängnis des Leibes (das Außer-sich-Sein hat sicher hier seinen Ursprung). Ein kompliziertes, komplexes Geschehen, dass das professionelle Theater-Machen durchaus noch oder auch wieder kennt. Nicht immer wird es gleichwohl so benannt. Umso wichtiger, sich damit zu befassen.

 

Wir haben zum Thema „Ekstatische Wirkung des Theaters/Intensive Moral oder amoralische Intensität?“ Prof. Dr. Martin Jürgens eingeladen (ehemals Universität Münster, Lehrender am Institut für Theaterpädagogik Lingen der FH Osnabrück, Regisseur und Theaterautor, Lehrender im Studiengang Szenisches Schreiben an der UdK, zuletzt 2007) Er wird seine Thesen vorstellen und aktuelle szenische Beispiele per Bild und Ton liefern.

 

Die Moderation hat Gerd Koch.

 

Zur ekstatischen Wirkung des Theaters: „Das Ethos der theatralen Ekstase liegt in deren Fähigkeit, den Gestus des Einspruchs gegen die blinde Kontinuität vor die Sinne zu stellen und am Leben zu erhalten, im Arsenal unserer Möglichkeiten. Das gilt für die Ebene des Individuellen ebenso wie in gesellschaftlicher Perspektive. Der ekstatische Bruch mit dem Kontinuum des Immergleichen ist ein Einspruch gegen unsere eigene Zeitlichkeit und den Skandal des Todes, der uns allen bevorsteht, und als Einspruch ist er mehr als Trost. Und er ist ein Einspruch gegen die sich als irreversibel und alternativlos deklarierende Wiederkehr des Gleichen, gegen das Posthistoire, dessen lähmende Wirkung seit dem Ende des Sozialismus in seiner staatlichen Gestalt wirksam ist. Auch ohne den Reiz der Bilder utopischer Zustände hat solcher Einspruch seine gesellschaftliche Qualität.“
Intensive Moral oder amoralische Intensität?

 

„Unter den Augen der Sphinx großen Theaters ereilt uns die Ekstase der Zeitenthobenheit zu unsrem Glück immer wieder und je öfter, je lieber. Was bedeutet das nun für die titelgebende Alternative „Intensive Moral oder amoralische Intensität“? Es bedeutet, daß sie nicht haltbar und nicht produktiv ist, denn der Austritt aus der Kontinuität der Zeit im Medium hoher, die Erfahrung von Ekstase ermöglichender Intensität ist als Vorschein eines möglichen Anderen nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern in sich selbst eine Äußerungsform von Moral jenseits aller Vorschriften, Ge- und Verbote samt der entsprechenden Sinnangebote.“

 

Eine Veranstaltung der LAG Spiel und Theater Berlin, des Instituts für Theaterpädagogik der UdK und der Gesellschaft für Theaterpädagogik. Koordination: Lambert Blum, Ulrike Hentschel, Gerd Koch.